China ist anders – der Überblick über das Internet in China

Wo wir uns in der westlichen Welt an das Internet mit den großen Playern gewöhnt haben und Google, Apple, Facebook, Amazon (GAFA als Kurzform, erfunden in EU) in unserem Täglichen Leben verwenden, so muss man sich beim Internet in China gänzlich umstellen. Neben der Internetzensur die eine Benutzung von Facebook Google etc. inklusive der dazugehörigen Websites wie Youtube, Google Maps, etc. in China ohne Hilfsmittel wie VPN oder Proxy Servern unmöglich macht, gibt es für nahezu alle großen Websites Chinesische Alternativen.

Chinesische Internetunternehmen haben einige Vorteile gegenüber der Unternehmen in der westlichen Welt. China ist mit einem Teil der Entwicklung später als die westliche Welt, somit können teilweise Ideen einfach „kopiert“ und auf den Chinesischen Markt angepasst werden (so wie StudiVZ oder Dawanda etwa). Im Vergleich zu Deutschen Kopien von Amerikanischen Websites, ist der Chinesische Markt allerdings deutlich größer und sobald sich eine Idee verbreitet hat, ist die Nutzerzahl so groß, dass die ausländischen Originale keine Chance mehr haben auf dem Markt einzutreten (siehe zum Beispiel den Uber und Didi Kampf).

In China haben sich somit Anbieter etabliert und sind teilweise so groß gewachsen, dass sie sich stärker in das tägliche Leben der Bevölkerung etablieren konnten als etwa WhatsApp oder Google im Westen. Einen Übersicht über das Chinesische Internet wollen wir hier geben.

Die großen Unternehmen, die das Internet in China maßgeblich bestimmen sind: Baidu, Alibaba und Tencent (BAT).

Baidu gegründet im Jahr 2000 mit dem Firmensitz in Beijing

Baidu ist die Suchmaschine mit dem größten Marktanteil in China.

Baidu.com – Der Chinesische Suchmaschinenriese

Ähnlich wie auch Google hat Baidu eine ganzes Ökosystem aufgebaut. Die Kartenanwendung Maps kommt von Baidu, die wie auch Google Maps sehr gut zur Navigation mittels Smartphone funktioniert. Streetview gibt es auch in Baidu Ditu.

Baidu bietet eine Art Wiki an, Baidu Baike.

Baidu Baike – ein Wiki aus China

Und eine Fragen und Antwort-Community, Baidu Zhidao.

Baidu Zhidao – eine Fragen und Antwort Community

Alibaba, gegründet von Jack Ma im Jahr 1999 mit dem Firmensitz in Hangzhou

Alibaba ist die Firma die hinter den größten Online-Marktplätzen steht.
Taobao ist ähnlich wie Ebay ein Marktplatz – hauptsächlich B2C aber auch C2C.

Taobao – der erste, große Chinesische Internet Marktplatz

Alibaba ist eine Art B2B Version eines Online E-Commerce Marktplatzes. Aufgrund der Menge von Fabriken in China, gibt es hier eine entsprechend große Nutzerzahlen. Alibaba hat schon früh angefangen die Website auch auf Englisch anzubieten und somit den Chinesischen Fabriken einen Zugang zu westlichen Käufern zu verschaffen.

1688 – ein B2B Marktplatz

Aliexpress ist eine art Großhandelsplattform, ebenfalls in Englisch verfügbar, auf denen Personen weltweit direkt von Chinesischen Herstellern einkaufen können. Selbst in den Deutschen Medien wird Aliexpress immer häufiger erwähnt im Zusammenhang mit Produktests und Testbestellungen direkt aus China. Das ist attraktiv weil somit die Zwischenhändler umgangen werden können.

Alibaba hat Alipay entwickelt, eine Zahlungsmethode, ähnlich wie PayPal, die sich nicht nur sehr gut in sämtlicheh Websites von Alibaba integriert sondern auch als App verfügbar ist und sich im Chinesischen Alltag fest etabliert hat. Aus der App selbst heraus lassen sich auch Kinokarten, Zug- und Flugtickets bestellen sowie Fahrräder mieten. Alipay arbeitet auch an der Expansion auf andere Märkte in der westlichen Welt.

Zhifubao – ein Bezahldienst in China

TMall wurde ins Leben gerufen um einen B2C Marktplatz zu erstellen, bei dem Kunden und Produktqualität und Echtheit im Vordergrund stehen. Taobao – beziehungsweise Händler auf Taobao – hat Teilweise einen negativen Ruf, da dort Produktfälschungen und Produkte mit minderwertiger Qualität zu bestellen sind. TMall sollte da Abhilfe schaffen. TMall ist aktuell der größe Online Marktplatz mit dem meisten Traffic und dem höchsten Umsatz. TMall bietet neben der Plattform für Chinesische Unternehmen auch eine Internationale Version an, auf der ausländische Unternehmen ihre Produkte auf dem Chinesischen Markt verkaufen können.

Tencent, gegründet im Jahr 1998 mit dem Firmensitz in Shenzhen

Tencent ist mit der Chat Software QQ groß geworden, die stark an das damalige ICQ erinnert. Wie viele andere Softwarepakete in China auch, wurde QQ im Vergleich zu der Software, an die die Idee angelehnt ist, deutlich weiter entwickelt. Schon früh hatte QQ sowas wie die Facebook Timeline, Fotosharing und weitere Features wie man sie von einem weit entwickelten Messenger erwartet.

QQ – ein Instant Messenger mit vielen Funktionen

Mit entsprechender Nutzerbasis hat es Tencent auch geschafft, die Software WeiXhin (WeChat auf Englisch) in China und weit über die Landesgrenzen hinaus zu etablieren. Schon in der Zeit vor den ersten Smartphones machte sich für Tencent bemerkbar, das QQ immer häufiger auf mobilen Geräten installiert wurde. WeChat hat direkt mit einem radikal neuem Konzept angefangen und sich gänzlich auf mobile Geräte konzentriert und WeChat mit etlichen Features erweitert und letztendlich zu einem eigenen Ökosystem ausgebaut. Eine weitere interessante Strategie bei WeChat ist die internationale Ausrichtung. Die Software für Smartphones und Computer existiert in Chinesisch und Englisch (und diverse weitere Sprachen auf Smartphone wie etwa auch Deutsch).

WeChat ist eine Social Media App für Smartphones und eine abgespeckte Version gibt es auch für den Desktop

Tencent bietet, in WeChat integriert, einen mobilen Bezahldienst an, der an erster Stelle in China steht und nahezu überall akzeptiert wird. Egal ob man seine Brötchen, das Taxi oder die Miete bezahlen will, nahezu überall wird WeChat als Bezahldienst akzeptiert. Transaktionen dauern keine Sekunde, die Handhabung ist extrem einfach und es kostet keine Gebühren.

Neben den großen Playern die mit ihren Angeboten, Websites und Services einen Großteil des chinesischen Internets beherrschen und sich auch im Chinesischen Alltag fest etabliert haben, gibt es weitere „kleinere“ Unternehmen die

JD.com wurde 1998 in Beijing ins Leben gerufen

JD.com – ein E-Commerce Riese in China

Als Amazon „Kopie“ hat sich JingDong etabliert. Der Fokus bei diesem Online-Marktplatz liegt auf Qualität und Kundenservice – ein Konzept welches in China sehr beliebt ist, gerade weil auf diesem Markt Fälschungen und Produkte mit minderwertiger Qualität häufig zu finden sind. Wie auch TMall bietet JingDong eine internationale Version an, die es ausländischen Unternehmen ermöglicht auf dem Chinesischen Markt einzusteigen. JingDong kommt aus dem Bereich der Elektronik und Unterhaltungselektronik – hat sich mitlerweile aber zu einer generellen Plattform entwickelt auf der man von Deutschem Bier bis hin zu Schuhen nahezu alles findet. JingDong konzentriert sich auf Marken und hat eine 0 Toleranz Strategie gegenüber Fälschungen – entsprechend hoch sind die Hürden auch bei der Registrierung.

YiHaoDian wurde 2008 gegründet

Yihaodian – ein Online-Supermarkt

Etwas ruhig geworden ist es um YiHaoDian – ein online Supermarkt der 2013 bis 2015 viel in Werbung investiert hat. Der Fokus hier liegt hauptsächlich auf Nahrungsmittel, sowohl aus China als auch importierte.

Amazon in China

Amazon.cn – ein später Markteintritt in China

Amazon hat den Markteintritt in China gewagt und macht viel Werbung. Weniger agressiv als YiHaoDian, hat aber eventuell eine langfristige Strategie geplant. Die Verkaufszahlen liegen weit hinter denen von Alibaba.

Sina Corporation wurde im Jahr 1999 in Beijing gegründet

Social Media als Website ist vor allem Weibo von der Firma Sina. Wie Twitter bietet Sina Blogs an – im Vergleich zu Twitter existiert aber keine Beschränkung der Nachrichtenlänge. Weibo hat sicher mit dem Erfolg von WeChat Benutzer eingebüßt aber dennoch hat Sina reagiert und eine Mobile Version entwickelt. Der große Unterschied zu WeChat ist hauptsächlich, dass Content von Baidu und anderen Suchmaschinen indexiert wird, wohingegen Content von WeChat nur von Leuten im eigenen Netzwerk gesehen werden kann. Marken sollten deswegen hier auf jeden Fall präsent sein, frischen und interessanten Content anbieten sowie eine Fangemeinde aufbauen und mit dieser interagieren.

Sina Weibo – ein Kurznachrichtendienst in China

Insgesamt ist Sina als Online Media Company aufgestellt und bietet auch News, SMS, Mail, Spiele etc. an.

Douban – eine Social Networking Website seit 2005

Douban – eine Social Network Website

Douban ist eine Community mit Nachrichten Boards, Artikeln etc. – insgesamt eine Social Networking Website seit 2005. Für Marken teilweise interessant, da die Reichweite sehr groß ist und der Content, wie auch bei Weibo, von Baidu indexiert wird.

Kleinanzeigen gibt es bei 58.com

58.com für Kleinanzeigen aller Art

Kleinanzeigen findet man bei 58.com – auch hier geht das Angebot über Kleinanzeigen weit hinaus. Neben gebrauchten Sachen kaufen, kann man Wohnungen mieten, Jobs finden und vieles mehr.

Andere Suchmaschinen neben Baidu

Auf dem Suchmaschinenmarkt tummeln sich neben Baidu noch zwei nennenswerte Unternehmen: 360.com hat sich zuvor auf Anti-Viren und Sicherheitssoftware konzentriert. Mit so.com ist das Unternehmen in den Suchmaschinenmarkt vorgestoßen.

so.com – noch eine Suchmaschine in China

Sogou ist eine weitere Suchmaschine die mit weniger Features aufwartet als Baidu aber dennoch gute Suchergebnisse liefert.

Sogou.com – eine weitere Suchmaschine in China

Die großen Freemail Dienstleister wie Gmail sind in China 163.com und 126.com – hier ist allerdings anzumerken, dass China absolut kein E-Mail Land ist. Die gesamte Netzgemeinde hat sich seit den frühen Internetzeiten an Chatten gewöhnt – sowohl im privaten, als auch im geschäftlichen Bereich. Beide Websites positionieren sich auch als Online Medien Plattformen mit News, Spielen etc.

163.com – News, Spiele, Freemail

B2B, B2C, C2C – in China wird gechattet, nicht „geemailt“. Das ist auch ein Grund dafür, wieso Chatbots in China rasant weiterentwickelt werden.

Insgesamt lässt sich sagen, dass das Internet in China dem in der westlichen Welt von Konzepten und Prinzipien sehr ähnelt. Große Unterschiede sind die Firmen selbst – die westlichen großen Internetkonzerne sind in China eher nicht bekannt. Ein weiterer Unterschied ist mobile first oder sogar mobile ausschließlich: Das Internet in China ist mobil, Chinesen und Asiaten sind als Endanwender im Bererich Technologie first mover. Traditionelle Websites funktionieren nicht, wenn kein mobiles Angebot und Konzept existiert oder ein tatsächlich triftiger Grund besteht ausschließlich den PC zu nutzen.

Benötigen Sie einen tieferen Einblick in das Chinesische Internet? Sprechen Sie uns einfach an, wir helfen gern.